Chauvigny, Frankreich

Hélène (34) und Jérémy (38) sind überglücklich. Die Tänzerin und der Künstler sind seit drei Monaten stolze Besitzer eines wunderschönen Hauses mit Garten direkt am Fluss. Hier halten sie sich ihre eigenen Hühner, bauen Gemüse an und können stundenlang das Wasser beobachten.

Ihnen gefällt das Stück Unabhängigkeit, das sie sich in ihrem eigenen kleinen Reich aufbauen. Große und kleine Tomaten, rote Beete, Karotten, Kartoffeln, Salat und knüppelgroße Zucchini ernten sie und das alles ohne den Zusatz jeglicher Düngemittel oder Insektenschutzmittel, die gesundheitsschädliche Pestizide enthalten. Es ist Jérémy wichtig genau das zu betonen, denn er weiß um die wichtigste und drängendste Aufgabe der Europäischen Union.

„The most important issue to tackle in the following years is sustainability. We have to think about in which world we want to live in.“

Wir müssen unseren sterbenden Planeten retten. Das geht nicht allein europäisch, sondern nur in großer Gemeinschaft mit allen Staaten dieser Erde. Mit diesem Gemeinschaftsgedanken wurden die Ideen der Pariser Vereinbarung der Vereinten Nationen im Dezember 2015 von damals von 196 Staaten unterzeichnet. Erreichen werden die Ziele wohl kaum einer der Unterzeichner.

Das Paar ist sich sicher, dass unsere Gesellschaft nur nachhaltiger werden kann, wenn sich unser Grundverständnis von Konsum ändert. Das kann zum einen durch die Europäische Union geschehen, die ihren Einfluss auf die Wirtschaft nutzen könnte und zum anderen am schnellsten durch uns Menschen als Individuen auf lokaler Ebene. Dazu erzählen sie eine Fabel.

Was ein kleiner Kolibri tun kann

Es war einmal ein großer Fluss an dessen Ufern ein riesiger Wald stand. Diese Gegend bot den Lebensraum für viele verschiedene Tiere und Menschen. Eines Tages brach durch die Unachtsamkeit eines Einzelnen ein Waldbrand aus. Die Tiere waren verzweifelt und taten nichts dagegen. Nur ein kleiner Kolibri behielt die Hoffnung, flog zum Fluss, holte einen Schnabel voll Wasser und ließ diesen kleinen Wassertropfen über dem brennenden Wald fallen. Die anderen großen Tiere lachten ihn aus: Was wollte dieser kleine Kerl schon ausrichten? Der Kolibri antwortete: „Ich leiste meinen Teil, nun seid ihr dran!“

Die Grundidee dieser Kolibri-Fabel ist klar verständlich: Jeder kann nur den Teil leisten, der im Rahmen seiner Möglichkeiten lieg. Erfolgreich können wir bei den großen Zielen ausschließlich gemeinsam sein. Hélène und Jérémy versuchen ihren Teil zu leisten. So oft es möglich ist, essen sie ihr eigenes Gemüse, das Obst von den Nachbarn, kaufen Klamotten second-hand ein und Luxusgüter möglichst als „One Life Products“. Ihnen ist wichtig zu betonen, dass jede und jeder vor der eigenen Tür kehren und nicht auf die Fehler anderer zeigen sollte. Auch wenn das mühselig und frustrierend sein kann und man sich oft dabei unheimlich klein vorkommt, muss man trotzdem weitermachen, fügt Hélène hinzu.

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Hélène, Jérémy und ich in ihrem Garten an der Vienne in der Nähe von Chauvigne

„We live in the world, we buy. Buy the world you want to live in!“

Der Kaffee den sie trinken und die Zigaretten, die Jérémy raucht werden jedenfalls nicht lokal produziert. Das regionale Fleisch auf dem Teller sichert auch nicht das begrenzte Trinkwasser. Natürlich haben die beiden wie alle Menschen auch ihre Bedürfnisse nach Komfort und Gewohnheiten. Hélène zeigt auf das Haus, redet von der ganzen Energie, die es frisst, von der heißen Dusche, die sie so mag und dem Auto, das sie braucht, um 30km zur Arbeit zu fahren.

„All humans are in the first place egoists. So why do we live in societies if not for the good?“

Die EU kann mit den anderen Staaten dieser Erde unterstützend dazu beitragen, dass die Industrie und wir Menschen mit unserer Natur sorgfältiger umgehen und nachhaltiger handeln. Jérémy und Hélène fordern deshalb von der Europäischen Union mehr Unterstützung und Anreize für ökologische Landwirtschaft, ein sozialeres Europa, das die Grundsicherung der Bedürfnisse aller Bürgerinnen und Bürger wirklich gewährleistet und ein größeres Angebot an Produkten, die gebaut werden, um lange zu halten.

Subvention von ökologischer Agrarwirtschaft

Für die zwei ist es offensichtlich, dass die relativ hohen Preise auf ökologisch hergestellte Produkte die Käuferinnen und Käufer abschreckt. Schließlich seien wir durch die Gesellschaft dazu erzogen Schnäppchen zu jagen und beim Einkauf in erster Linie auf den Preis zu achten. Bei den Nahrungsmitteln wird deshalb nicht auf die Qualität oder gar Nachhaltigkeit der Produkte geschaut.

Garantie der Grundbedürfnisse aller Bürgerinnen und Bürgern

Allerdings sei es selbstverständlich, dass es in den Köpfen erst dann Platz für solche Gedanken gibt, wenn die Basissicherung gewährleistet ist. Es ist wichtig sich keine existenziellen Sorgen, um die Finanzierung einer eigenen Wohnung oder um das Geld für Essen und Trinken machen zu müssen, um glücklich zu werden. Rechte auf ein Dach über dem Kopf, Zugang zu Lebensmitteln und freie Zeit sind übrigens Menschenrechte! Diese zu gewährleisten wäre in der Folge ein wichtiger Schritt, damit sich Menschen mit der Frage beschäftigen können, was sie eigentlich konsumieren, auch deshalb fordert das Paar eine sozialere Europäische Union.

„We have to reflect on, what we produce, what we consum and if this is what we really need to feel good and happy.“

Wir alle tragen mit unseren Einkäufen dazu bei, was in den Schaufenstern und Supermarktregalen steht. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Das ist der simple Grundsatz unseres Wirtschaftssystems. Wir können Einfluss nehmen, genauso wie das Paar, das nach eigenen Angaben mit 1,400€ netto deutlich unter dem Durchschnittseinkommen liegt. Wofür möchten wir unser Geld ausgeben und was unterstützen wir damit?

Auch die Wirtschaft muss nachhaltig denken

Die zwei betonen, dass auch die Industrie und alle betriebswirtschaftlich Geschäftstreibende die Verantwortung dafür tragen, dass nachhaltige Alternativen überhaupt existieren.

Außerdem müsse volkswirtschaftlich über den Gedanken „Wachstum bedeutet Wohlstand“ nachgedacht werden. Dieser impliziert die Annahme, dass wir heute immer mehr konsumieren sollen als gestern. Warum brauchen wir aber häufiger ein neues Hemd als noch vor 50 Jahren?

Die EU könnte die Schlüsselrolle in der europäischen Wirtschaftszone einnehmen, um für mehr Nachhaltigkeit zu sorgen. Sie muss dafür sorgen, dass die Industrie funktioniert ohne immer mehr Güter produzieren zu müssen, die nach kurzer Lebenszeit im Müll landen. In vielen Szenarien auch im Ozean.

Jedes Individuum kann durch bewussten Konsum wie der Kolibri seinen Teil leisten, damit wir unsere Erde schützen und die Industrie nachhaltige Produkte herstellt. Die EU hat größere Handlungsmöglichkeiten.

Am Ende löschen 50 Elefanten den Brand schneller als 50 Kolibris.

 

Ein Kommentar

  1. Danke für den Blog. Es macht Spaß zu folgen und auch die Gesichter hinter den Worten zu sehen. Die Gedanken des letzten Berichtes sind mir nicht neu, aber ich finde sie sind sehr gut auf den Punkt gebracht.
    Besonders gut hat mir die Fabel gefallen. Durch ihr wurde für mich aber auch deutlich, dass Veränderungen aus der Komfortzone häufig erst beginnen, wenn es im eigenen Wald brennt.

    Gefällt 1 Person

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