Ziel

Vier Wochen sind seit dem Start der Fahrradtour vorbei. Vier Wochen gefüllt mit vier problemlosen Grenzüberquerungen, einigen Werkstattbesuchen, vielen interessanten Begegnungen, Reisealltag und vielen Stunden auf dem Fahrrad.

Vor der Reise habe ich mir vorgenommen, während der ca. 1.500 Kilometern von der deutsch-niederländischen Grenze bis nach Spanien zu der sich wandelnden, europäischen Arbeitswelt zu forschen. Mich interessierte welche Chancen und Probleme, Herausforderungen und notwendigen Veränderungen die Menschen in meinen Reiseländern für die Europäische Union sehen. Der Fokus lag hierbei zum einen auf dem Einfluss der Digitalisierung und zum anderen auf dem aufkeimenden Nationalismus und den Abspaltungsbestrebungen in vielen EU-Staaten.

Welche Bedeutung hat die Europäische Union – ein Zusammenschluss von Ländern eines freien Wirtschaftsraumes ohne Grenzkontrollen – für die tägliche Arbeit seiner Bürgerinnen?

Meine Gesprächspartner*innen wählte ich zufällig aus, was an meiner unplanbaren Art des Reisens lag. Ich wusste nie, wo ich übermorgen sein, wo ich schlafen oder ob ich gar einen Arbeitsplatz mit W-Lan finden werde. Mit dem Fahrrad zu reisen bedeutet die absolute Freiheit zu haben, jeden Tag lediglich abhängig von Gemütslage, Fitness, Wetter und Grundbedürfnissen bestimmen zu können, wann man losfährt, wo man rastet und wo man ankommen wird.

Meine Interviewpartner*innen traf ich auf dem Marktplatz, im Park oder auch als Couchsurfer-Hosts bei ihnen Zuhause. Sie haben mir Einblicke in ihre Berufs- und Lebenssituationen gegeben, gezeigt welchen Einfluss offene Grenzen auf ihren Arbeitsalltag haben und mit mir über ihre konkreten Vorstellungen zu den Problemen, Herausforderungen und Chancen der EU gesprochen.

Offene Grenzen

Die offenen Grenzen bedeuten für die von mir Interviewten, dass es alltäglich sei mit Firmen, Organisationen und Menschen aus anderen europäischen Ländern zusammenzuarbeiten. Das ermögliche zum einen den bestmöglichen Dienstleister oder Projektpartner auf einem großen Markt zu finden und erhöhe zum anderen durch den zollfreien, europäischen Wettbewerb den Innovationsdruck auf die Industrie. Dieser gewährleistet den Erfolg der europäischen Unternehmen auch im internationalen Vergleich.

Probleme

Die unzähligen Normungen und Sicherheitsvorschriften seien bürokratischer Wahnsinn, meint die Gärtnerin und Haushälterin Nathalie. Auf ihrem eigenen Gelände muss sie seit der Einführung neuer Vorschriften für jeden Heckenschnitt zum Amt gehen und fünf Tage lang auf die Erlaubnis warten. Diese bekomme sie ohnehin jedes Mal und die Art und Weise wie sie sich schützen muss ist seit 20 Jahren unverändert. Warum muss sie also vor jedem Heckenschnitt wieder los?

Ein weiteres Problem sei das Insektensterben, das stellvertretend für eine langsame, aber fortwährende Zerstörung der Natur steht. Verantwortung trägt hierbei die Agrarwirtschaft, die durch die Politik zu Monokulturen getrieben wird und die benötigten umweltschädlichen Düngemittel genehmigt bekommt.

Die EU darf die Einzelwirtschaftenden nicht mit zu viel Regulierung in Sicherheitsvorschriften und damit zusammenhängender Bürokratie überfordern und muss seine Grundausrichtung in der Agrarpolitik überdenken.

Herausforderungen

Damit die Wirtschaft den Wohlstand in Europa langfristig sichern kann, darf sie den Anschluss auf dem innovativen Zukunftsmarkt der Digitalisierung nicht verlieren und muss dafür sorgen, dass sich die Unternehmen entsprechend rüsten, ist sich der Brite Ikenna sicher. Er arbeitet bei einem Londoner Bauunternehmen und denkt außerdem, dass es der EU nur gelingen wird die Wirtschaft am Laufen zu halten, wenn sie im technologischen Sektor die Jobs vor Ort sichern kann.

Die größte Herausforderung sehen Hélène und Jérémy in dem menschengemachten Klimawandel. Die Menschen, die EU und die Wirtschaft müssen sich ihrer Verantwortung bewusst machen und beginnen nachhaltiger zu handeln. Das allein ist eine riesige Herausforderung, da ernsthafte Nachhaltigkeit zum Teil im Widerspruch mit unserem bestehenden Wirtschaftssystem stünden. Allerdings verursacht unvorrausschauendes Handeln viele Probleme, wie das Insektensterben, deren Folgen wir schon unmittelbar in Form von extremen Wetterlagen, Klimaflüchtlingen und unfruchtbaren Böden spüren können.

Chancen

Die größte Chance der EU ist heute wie bei der Gründung der Union die Sicherung des Friedens in Europa, weiß auch der 18-Jährige Pierre-Alexis. Gesichert werden kann er nur mit wirtschaftlichen Erfolg, nachhaltigen Handeln und reeller Grundbedürfnissicherung aller Bürger*innen. Gelingt dies können Wirtschaft und Politik gemeinsam mit den anderen Ländern dieser Erde die großen globalen Aufgaben unserer Zeit angehen.

 

Grundsätzliches

Alle von mir befragten Europäer*innen machen sich außerdem Sorgen über das Erstarken rechter, nationalistischer Kräfte bei nationalen Parlamentswahlen und über konkrete Unabhängigkeitsbestrebungen einiger Länder.

Es ist für alle liberalen, freiheitlich-demokratischen Kräfte, Menschen und Vereinigungen in Europa die wichtigste Aufgabe dieser Entwicklung entschieden entgegenzuschreiten. Sie müssen aufzeigen, warum ein Weg gemeinsam in der Vielfalt der Union ein besserer, erfolgreicherer und sicherer Pfad ist, als der des nationalen Alleinganges.

Die Europäische Union muss hierfür gemeinsam mit den großen europäischen Arbeitgeber*innen konkrete Ideen entwickeln, um wachsender Ungleichheit innerhalb und zwischen den Ländern entgegenzutreten, sich anbahnende neue wirtschaftliche Krisen abzuwenden und wirtschaftlichen Wachstum in Einklang mit den Nachhaltigkeitszielen zu bringen.

So kann der wirtschaftliche Erfolg des europäischen Binnenmarktes gesichert werden.

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