Ziel

Vier Wochen sind seit dem Start der Fahrradtour vorbei. Vier Wochen gefüllt mit vier problemlosen Grenzüberquerungen, einigen Werkstattbesuchen, vielen interessanten Begegnungen, Reisealltag und vielen Stunden auf dem Fahrrad.

Vor der Reise habe ich mir vorgenommen, während der ca. 1.500 Kilometern von der deutsch-niederländischen Grenze bis nach Spanien zu der sich wandelnden, europäischen Arbeitswelt zu forschen. Mich interessierte welche Chancen und Probleme, Herausforderungen und notwendigen Veränderungen die Menschen in meinen Reiseländern für die Europäische Union sehen. Der Fokus lag hierbei zum einen auf dem Einfluss der Digitalisierung und zum anderen auf dem aufkeimenden Nationalismus und den Abspaltungsbestrebungen in vielen EU-Staaten.

Welche Bedeutung hat die Europäische Union – ein Zusammenschluss von Ländern eines freien Wirtschaftsraumes ohne Grenzkontrollen – für die tägliche Arbeit seiner Bürgerinnen?

Meine Gesprächspartner*innen wählte ich zufällig aus, was an meiner unplanbaren Art des Reisens lag. Ich wusste nie, wo ich übermorgen sein, wo ich schlafen oder ob ich gar einen Arbeitsplatz mit W-Lan finden werde. Mit dem Fahrrad zu reisen bedeutet die absolute Freiheit zu haben, jeden Tag lediglich abhängig von Gemütslage, Fitness, Wetter und Grundbedürfnissen bestimmen zu können, wann man losfährt, wo man rastet und wo man ankommen wird.

Meine Interviewpartner*innen traf ich auf dem Marktplatz, im Park oder auch als Couchsurfer-Hosts bei ihnen Zuhause. Sie haben mir Einblicke in ihre Berufs- und Lebenssituationen gegeben, gezeigt welchen Einfluss offene Grenzen auf ihren Arbeitsalltag haben und mit mir über ihre konkreten Vorstellungen zu den Problemen, Herausforderungen und Chancen der EU gesprochen.

Offene Grenzen

Die offenen Grenzen bedeuten für die von mir Interviewten, dass es alltäglich sei mit Firmen, Organisationen und Menschen aus anderen europäischen Ländern zusammenzuarbeiten. Das ermögliche zum einen den bestmöglichen Dienstleister oder Projektpartner auf einem großen Markt zu finden und erhöhe zum anderen durch den zollfreien, europäischen Wettbewerb den Innovationsdruck auf die Industrie. Dieser gewährleistet den Erfolg der europäischen Unternehmen auch im internationalen Vergleich.

Probleme

Die unzähligen Normungen und Sicherheitsvorschriften seien bürokratischer Wahnsinn, meint die Gärtnerin und Haushälterin Nathalie. Auf ihrem eigenen Gelände muss sie seit der Einführung neuer Vorschriften für jeden Heckenschnitt zum Amt gehen und fünf Tage lang auf die Erlaubnis warten. Diese bekomme sie ohnehin jedes Mal und die Art und Weise wie sie sich schützen muss ist seit 20 Jahren unverändert. Warum muss sie also vor jedem Heckenschnitt wieder los?

Ein weiteres Problem sei das Insektensterben, das stellvertretend für eine langsame, aber fortwährende Zerstörung der Natur steht. Verantwortung trägt hierbei die Agrarwirtschaft, die durch die Politik zu Monokulturen getrieben wird und die benötigten umweltschädlichen Düngemittel genehmigt bekommt.

Die EU darf die Einzelwirtschaftenden nicht mit zu viel Regulierung in Sicherheitsvorschriften und damit zusammenhängender Bürokratie überfordern und muss seine Grundausrichtung in der Agrarpolitik überdenken.

Herausforderungen

Damit die Wirtschaft den Wohlstand in Europa langfristig sichern kann, darf sie den Anschluss auf dem innovativen Zukunftsmarkt der Digitalisierung nicht verlieren und muss dafür sorgen, dass sich die Unternehmen entsprechend rüsten, ist sich der Brite Ikenna sicher. Er arbeitet bei einem Londoner Bauunternehmen und denkt außerdem, dass es der EU nur gelingen wird die Wirtschaft am Laufen zu halten, wenn sie im technologischen Sektor die Jobs vor Ort sichern kann.

Die größte Herausforderung sehen Hélène und Jérémy in dem menschengemachten Klimawandel. Die Menschen, die EU und die Wirtschaft müssen sich ihrer Verantwortung bewusst machen und beginnen nachhaltiger zu handeln. Das allein ist eine riesige Herausforderung, da ernsthafte Nachhaltigkeit zum Teil im Widerspruch mit unserem bestehenden Wirtschaftssystem stünden. Allerdings verursacht unvorrausschauendes Handeln viele Probleme, wie das Insektensterben, deren Folgen wir schon unmittelbar in Form von extremen Wetterlagen, Klimaflüchtlingen und unfruchtbaren Böden spüren können.

Chancen

Die größte Chance der EU ist heute wie bei der Gründung der Union die Sicherung des Friedens in Europa, weiß auch der 18-Jährige Pierre-Alexis. Gesichert werden kann er nur mit wirtschaftlichen Erfolg, nachhaltigen Handeln und reeller Grundbedürfnissicherung aller Bürger*innen. Gelingt dies können Wirtschaft und Politik gemeinsam mit den anderen Ländern dieser Erde die großen globalen Aufgaben unserer Zeit angehen.

 

Grundsätzliches

Alle von mir befragten Europäer*innen machen sich außerdem Sorgen über das Erstarken rechter, nationalistischer Kräfte bei nationalen Parlamentswahlen und über konkrete Unabhängigkeitsbestrebungen einiger Länder.

Es ist für alle liberalen, freiheitlich-demokratischen Kräfte, Menschen und Vereinigungen in Europa die wichtigste Aufgabe dieser Entwicklung entschieden entgegenzuschreiten. Sie müssen aufzeigen, warum ein Weg gemeinsam in der Vielfalt der Union ein besserer, erfolgreicherer und sicherer Pfad ist, als der des nationalen Alleinganges.

Die Europäische Union muss hierfür gemeinsam mit den großen europäischen Arbeitgeber*innen konkrete Ideen entwickeln, um wachsender Ungleichheit innerhalb und zwischen den Ländern entgegenzutreten, sich anbahnende neue wirtschaftliche Krisen abzuwenden und wirtschaftlichen Wachstum in Einklang mit den Nachhaltigkeitszielen zu bringen.

So kann der wirtschaftliche Erfolg des europäischen Binnenmarktes gesichert werden.

Chauvigny, Frankreich

Hélène (34) und Jérémy (38) sind überglücklich. Die Tänzerin und der Künstler sind seit drei Monaten stolze Besitzer eines wunderschönen Hauses mit Garten direkt am Fluss. Hier halten sie sich ihre eigenen Hühner, bauen Gemüse an und können stundenlang das Wasser beobachten.

Ihnen gefällt das Stück Unabhängigkeit, das sie sich in ihrem eigenen kleinen Reich aufbauen. Große und kleine Tomaten, rote Beete, Karotten, Kartoffeln, Salat und knüppelgroße Zucchini ernten sie und das alles ohne den Zusatz jeglicher Düngemittel oder Insektenschutzmittel, die gesundheitsschädliche Pestizide enthalten. Es ist Jérémy wichtig genau das zu betonen, denn er weiß um die wichtigste und drängendste Aufgabe der Europäischen Union.

„The most important issue to tackle in the following years is sustainability. We have to think about in which world we want to live in.“

Wir müssen unseren sterbenden Planeten retten. Das geht nicht allein europäisch, sondern nur in großer Gemeinschaft mit allen Staaten dieser Erde. Mit diesem Gemeinschaftsgedanken wurden die Ideen der Pariser Vereinbarung der Vereinten Nationen im Dezember 2015 von damals von 196 Staaten unterzeichnet. Erreichen werden die Ziele wohl kaum einer der Unterzeichner.

Das Paar ist sich sicher, dass unsere Gesellschaft nur nachhaltiger werden kann, wenn sich unser Grundverständnis von Konsum ändert. Das kann zum einen durch die Europäische Union geschehen, die ihren Einfluss auf die Wirtschaft nutzen könnte und zum anderen am schnellsten durch uns Menschen als Individuen auf lokaler Ebene. Dazu erzählen sie eine Fabel.

Was ein kleiner Kolibri tun kann

Es war einmal ein großer Fluss an dessen Ufern ein riesiger Wald stand. Diese Gegend bot den Lebensraum für viele verschiedene Tiere und Menschen. Eines Tages brach durch die Unachtsamkeit eines Einzelnen ein Waldbrand aus. Die Tiere waren verzweifelt und taten nichts dagegen. Nur ein kleiner Kolibri behielt die Hoffnung, flog zum Fluss, holte einen Schnabel voll Wasser und ließ diesen kleinen Wassertropfen über dem brennenden Wald fallen. Die anderen großen Tiere lachten ihn aus: Was wollte dieser kleine Kerl schon ausrichten? Der Kolibri antwortete: „Ich leiste meinen Teil, nun seid ihr dran!“

Die Grundidee dieser Kolibri-Fabel ist klar verständlich: Jeder kann nur den Teil leisten, der im Rahmen seiner Möglichkeiten lieg. Erfolgreich können wir bei den großen Zielen ausschließlich gemeinsam sein. Hélène und Jérémy versuchen ihren Teil zu leisten. So oft es möglich ist, essen sie ihr eigenes Gemüse, das Obst von den Nachbarn, kaufen Klamotten second-hand ein und Luxusgüter möglichst als „One Life Products“. Ihnen ist wichtig zu betonen, dass jede und jeder vor der eigenen Tür kehren und nicht auf die Fehler anderer zeigen sollte. Auch wenn das mühselig und frustrierend sein kann und man sich oft dabei unheimlich klein vorkommt, muss man trotzdem weitermachen, fügt Hélène hinzu.

IMG_20180718_205606378.jpg

Hélène, Jérémy und ich in ihrem Garten an der Vienne in der Nähe von Chauvigne

„We live in the world, we buy. Buy the world you want to live in!“

Der Kaffee den sie trinken und die Zigaretten, die Jérémy raucht werden jedenfalls nicht lokal produziert. Das regionale Fleisch auf dem Teller sichert auch nicht das begrenzte Trinkwasser. Natürlich haben die beiden wie alle Menschen auch ihre Bedürfnisse nach Komfort und Gewohnheiten. Hélène zeigt auf das Haus, redet von der ganzen Energie, die es frisst, von der heißen Dusche, die sie so mag und dem Auto, das sie braucht, um 30km zur Arbeit zu fahren.

„All humans are in the first place egoists. So why do we live in societies if not for the good?“

Die EU kann mit den anderen Staaten dieser Erde unterstützend dazu beitragen, dass die Industrie und wir Menschen mit unserer Natur sorgfältiger umgehen und nachhaltiger handeln. Jérémy und Hélène fordern deshalb von der Europäischen Union mehr Unterstützung und Anreize für ökologische Landwirtschaft, ein sozialeres Europa, das die Grundsicherung der Bedürfnisse aller Bürgerinnen und Bürger wirklich gewährleistet und ein größeres Angebot an Produkten, die gebaut werden, um lange zu halten.

Subvention von ökologischer Agrarwirtschaft

Für die zwei ist es offensichtlich, dass die relativ hohen Preise auf ökologisch hergestellte Produkte die Käuferinnen und Käufer abschreckt. Schließlich seien wir durch die Gesellschaft dazu erzogen Schnäppchen zu jagen und beim Einkauf in erster Linie auf den Preis zu achten. Bei den Nahrungsmitteln wird deshalb nicht auf die Qualität oder gar Nachhaltigkeit der Produkte geschaut.

Garantie der Grundbedürfnisse aller Bürgerinnen und Bürgern

Allerdings sei es selbstverständlich, dass es in den Köpfen erst dann Platz für solche Gedanken gibt, wenn die Basissicherung gewährleistet ist. Es ist wichtig sich keine existenziellen Sorgen, um die Finanzierung einer eigenen Wohnung oder um das Geld für Essen und Trinken machen zu müssen, um glücklich zu werden. Rechte auf ein Dach über dem Kopf, Zugang zu Lebensmitteln und freie Zeit sind übrigens Menschenrechte! Diese zu gewährleisten wäre in der Folge ein wichtiger Schritt, damit sich Menschen mit der Frage beschäftigen können, was sie eigentlich konsumieren, auch deshalb fordert das Paar eine sozialere Europäische Union.

„We have to reflect on, what we produce, what we consum and if this is what we really need to feel good and happy.“

Wir alle tragen mit unseren Einkäufen dazu bei, was in den Schaufenstern und Supermarktregalen steht. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Das ist der simple Grundsatz unseres Wirtschaftssystems. Wir können Einfluss nehmen, genauso wie das Paar, das nach eigenen Angaben mit 1,400€ netto deutlich unter dem Durchschnittseinkommen liegt. Wofür möchten wir unser Geld ausgeben und was unterstützen wir damit?

Auch die Wirtschaft muss nachhaltig denken

Die zwei betonen, dass auch die Industrie und alle betriebswirtschaftlich Geschäftstreibende die Verantwortung dafür tragen, dass nachhaltige Alternativen überhaupt existieren.

Außerdem müsse volkswirtschaftlich über den Gedanken „Wachstum bedeutet Wohlstand“ nachgedacht werden. Dieser impliziert die Annahme, dass wir heute immer mehr konsumieren sollen als gestern. Warum brauchen wir aber häufiger ein neues Hemd als noch vor 50 Jahren?

Die EU könnte die Schlüsselrolle in der europäischen Wirtschaftszone einnehmen, um für mehr Nachhaltigkeit zu sorgen. Sie muss dafür sorgen, dass die Industrie funktioniert ohne immer mehr Güter produzieren zu müssen, die nach kurzer Lebenszeit im Müll landen. In vielen Szenarien auch im Ozean.

Jedes Individuum kann durch bewussten Konsum wie der Kolibri seinen Teil leisten, damit wir unsere Erde schützen und die Industrie nachhaltige Produkte herstellt. Die EU hat größere Handlungsmöglichkeiten.

Am Ende löschen 50 Elefanten den Brand schneller als 50 Kolibris.

 

Tours, Frankreich

Er ist 18 Jahre alt und hat das französische Abitur (Baccalauréat) in der Tasche.  Pierre-Alexis genießt den Sommer und fährt nach den geschafften Abschlussprüfungen mit seinen Freunden in den Campingurlaub. In einem Park in Tours wartet er auf seine zwei Kumpels, die wieder mal zu spät kommen. Es ist für alle drei auch der Sommer in dem sie sich für einen Studiengang entschieden haben und sich über ihre mögliche berufliche Zukunft Gedanken machen.

Zuversichtlich blickt Pierre-Alexis nach vorne und das obwohl die Jugendarbeitslosenquote (der 15-24 Jährigen) in Frankreich mit 20,4% (Stand Mai 2018) relativ hoch liegt. Zum Vergleich in Deutschland liegt die Quote bei 6,1% und der Durchschnitt der Euro-Zone bei 16,8%.

Der junge Mann hat schon sehr konkrete Vorstellungen von dem was auf ihn zukommen soll: Er möchte Kommunikationswissenschaften studieren und am liebsten später für einen Fußballklub arbeiten. Da er insbesondere die europäischen Ligen im Kopf hat, werde Internationalität in seinem Traumberuf eine große Rolle spielen und seine Kompetenz in diesem Bereich über Erfolg und Missserfolg entscheiden. Die Europäische Union ist für den Abiturienten in erster Linie eine Friedensunion.

„The EU is a good thing! It unites the people from different countries under one flag. If we can keep the economy going, we can maintain the peace in Europe.“

Seiner Meinung nach ist es ein Problem, dass die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen den Ländern immer mehr zunehme – das verschärfe Neid und soziale Probleme. Frankreich und Deutschland sind in seinen Augen wirtschaftlich zu dominant, während andere Länder von den Nebenwirkungen des offenen Binnenmarktes getroffen werden und in Krisen schlittern.

Diese Nebenwirkungen sind das Ungleichgewicht des Imports und Exports in diesen Ländern. Die mehr importierenden Staaten dürften nicht alleine gelassen werden, sonst wiederholen sich Finanzkrisen aus der Vergangenheit wie zuletzt in Griechenland, Portugal und Spanien. Es bräuchte seiner Meinung nach eine gute Idee zum Finanzausgleich, damit die Sicherheit gewährleistet werde.

Die Sicherheit der Wirtschaft und des Friedens.

Mérignies, Frankreich

Der Adel ist noch nicht tot in Frankreich. In Mérignies in der Nähe von Lille unterhält eine alte Familie einen 9 Hektar großen Sommersitz. Ein paar Mal im Jahr verbringen Teile der Stammeslinie hier ihren Urlaub, abseits von den großen Straßen, geschützt von Mauern und Hecken um das Gelände. Den Rest des Jahres arbeitet und residiert hier seit 20 Jahren die Gärtnerin Nathalie. Sie ist zuständig für die Instandshaltung, die Tiere auf dem Gelände und alle anderen täglichen Arbeiten, die sonst noch anfallen.

Auch auf diesem scheinbar isolierten Gelände spielt die Europäische Union eine große Rolle und sieht dabei gar nicht gut aus. Nathalie beschwert sich über die zu große Kontrolle durch die EU, über den Normungswahnsinn und über die Agrarpolitik.

Für jeden Hecken- oder Baumschnitt braucht sie eine Genehmigung vom Amt, ärgert sich Nathalie. Sie beschwert sich über die langsame Bürokratie: Bis sie die Bestätigung erhält vergehen jedes Mal 5 Tage. Früher brauchte sie keine Genehmigung und schützen muss sie sich ohnehin am Ende selber.

Außerdem wird ihrer Meinung nach durch die Normung der EU die Vielfalt in der Nahrungsproduktion kaputt reguliert. Das treffe insbesondere die kleinen Leute. Ein befreundeter Landwirt von ihr musste aufgrund der eingeführten EU-Normen seinen Betrieb zu machen, da die Umstellungen seiner Geräte nicht bezahlbar gewesen wären. Das macht sie traurig, da dieser Landwirt früher leckere Crême Fraîche, Käse und Butter direkt um die Ecke hergestellt hat. „Und alles ökologisch! Quasi bio!“, betont sie.

Da Nathalie den ganzen Tag draußen arbeitet, tierlieb und naturverbunden ist, beobachtet sie mit Sorge das Insektensterben. Früher waren auf dem von ihr gepflegten Gelände viel mehr und unterschiedliche Insekten unterwegs, ist sie sich sicher. Schuldig ist ihrer Meinung nach die Agrarpolitik der EU. Diese trägt dazu bei, dass die umliegenden Bauern Monokulturen betreiben und somit verschiedenen Bienen-und Wespenarten die Lebensgrundlage nehmen.

Mit viel Wut im Bauch möchte sie sich nicht als ausschließliche Pro-Europäerin aussprechen, obwohl sie die offenen Grenzen schätzt und meint, dass der Grundgedanke der Gemeinschaft und Solidarität richtig ist. Sie sieht sich zwischen Befürwortern und Gegnern der Union.

An diesem Punkt greift ihre 17-jährige Tochter in das Gespräch ein. Das vereinigte Europa steht für den Frieden, für die Einheit in Vielfalt und für grenzenüberschreitende Solidarität zwischen den Ländern. Volkswirtschaftlich könnten die Länder der Union alleine nicht international mitverhandeln. Gemeinsam sind die europäischen Staaten wirtschaftlich wie auch politisch stärker.

Natürlich ist sie Pro-Europäerin!

 

 

Brüssel, Belgien

In der Hauptstadt Europas gibt es für europabegeisterte Touristen viel zu sehen. So auch für den 27-jährigen Briten Ikenna. „Allein, wenn man sich die Infrastruktur der Institutionen und Büros hier anguckt, dann sollte Großbritannien unbedingt in der EU bleiben!“, sagt er lachend.

Ikenna arbeitet als consulting und project manager in einem britischen Bauunternehmen, das sich auf Hotelbau spezialisiert hat. Das Unternehmen führt Projekte in ganz Europa durch, derzeit unter anderem in Paris. die Vorteile des freien europäischen Wirtschaftsraumes machen sich täglich in der Arbeit des Unternehmens bemerkbar. Wie die Bedingungen sich mit dem im März 2019 anstehenden Brexit verändern, kann noch nicht abgesehen werden.

Auch deswegen ist er sich sicher, dass es schlecht für Großbritannien sein wird, wenn die Insel endgültig aus der Union austreten sollte. Bei den Brexit-Wahlen selbst hat Ikenna nicht gewählt, da er damals der Meinung war, nicht genau Bescheid zu wissen über was genau eigentlich abgestimmt wird. Was bedeutet ein möglicher Brexit für Großbritannien? Wie sähe dieser aus? Welche Vorteile und Nachteile gibt es?

Aus seiner Sicht war die Abstimmung eine ausschließlich emotionale Wahl. Die Mehrheit der Briten würden sich seiner Meinung nach gegen einen Brexit aussprechen, wenn die damit verbundenen Folgen klar wären.

Es sollte in Großbritannien Neuwahlen über die verhandelten Brexit-Details geben.

Mit oder ohne das Vereinigte Königreich sind für ihn die kommenden Herausforderungen für die Europäische Union klar.

„The biggest challenge for the European Union in the midtime future is too keep the economy rolling. They have to keep an eye on the technology sector, secure and develop new jobs.“

Eine Möglichkeit könnte sein, Fortbildungen und Intensivschulungen zu unterstützen, damit die EU in diesem für die Zukunft sehr wichtigen Wirtschaftssektor wettbewerbsfähig bleibt und nicht von anderen Volkswirtschaften abgehängt wird.

Hoffentlich mit Großbritannien.

 

Tilburg, Niederlande

Ah, you’re writing about the European Union? Good Luck! There is a lot to research at these times.

Der redselige ältere Herr mit der Sonnenbrille sitzt auf dem Marktplatz in einer kleinen niederländischen Stadt und hat viel zu erzählen. Über sein Leben, seine Frau, seine NATO und die EU.

1947 ist er geboren, knapp zwei Jahre bevor sein späterer Arbeitgeber die NATO (North Atlantic Treaty Organization) gegründet wurde. Im Alter von 22 Jahren, also zur heißen Zeit des „Kalten Krieges“ gelangte Charles van der Burgt als Flugverkehrskontrolloffizier zum westlichen Militärbündnis und überwachte dort insbesondere die Luftgrenze zur Sowjetunion.

IMG_20180702_171930

Ein Straßenschild sagt viel über die proeuropäische Grundhaltung in den Niederlanden aus

Über seine Arbeit war er auch international außerhalb von den Niederlanden stationiert. So lebte er in Texas an der Grenze zu Mexiko, in Italien, Deutschland und Dänemark. Für ihn: Ein Riesenvorteil! Er sieht internationale Zusammenarbeit und transnationale Verbündete immer als Vorteil.

„I am a pro-european. As our prime minister Rutte, I do believe there are much more advantages resulting from this union than disadvantages. Together we have more power!“

Er stellt auch klar, dass mit der „power“ nicht die militärische Stärke, sondern sowohl die wirtschaftliche, als auch die zivilgesellschaftliche Kraft gemeint ist, die wir Europäer nur gemeinsam haben. Aus diesem Grund blickt er derzeit mit größter Sorge nach Italien, wo sich in Zeiten der wirtschaftlichen Rezession auch noch eine anti-europäische Regierung gebildet hat. Um das Gründungsland müsste sich die EU deshalb mehr Sorgen machen, als um die in der Vergangenheit kriselnden Länder wie Spanien, Griechenland oder Portugal.

 

Start

Die Packtaschen sind voll. Ein Glück. Der kleine blaue Wasserkocher, die Töpfe, die Pfanne, das Geschirr, das Feuerzeug, das Zelt, der Schlafsack, die Luftmatratze, der Laptop, das Portemonaie, das Handy, die Kamera, das erste Buch, das Zweite, die Zahnbürste, der Wasserbeutel, Klamotten und die Badelatschen.

Heute ist der Start der Fahrrradtour. Die Angst etwas vergessen zu haben, weicht der Vorfreude auf die Reise. Von Deutschland nach Spanien. Eine Reise durch Europa. 5 Länder. Eine Union.

Neben dem täglichen Strampeln, dem Zeltauf und abbau, der Nahrungs- und Schlafplatzsuche werde ich Erfahrungen festhalten. Jene von Bürgerinnen und Bürgern einer sogenannten Europäischen Union, die noch immer nicht selbstverständlich ist. Und solche die ich selber sammele und artikuliere.

Die Unterzeichnung der Römischen Verträge wurde letztes Jahr 60 Jahre alt. Bis auf Spanien gehörten alle meine Reiseländer zu den Unterzeichnern dieses historischen Dokuments. Folglich hat kaum ein*e Arbeiter*in innerhalb dieser Länder jemals in einem ausschließlich nationalen Wirtschaftsraum gearbeitet.

Was bedeutet das für die Arbeit? Welche Erfahrungen haben die Menschen in der Europäischen Union in ihrem alltäglichen Leben gemacht? Welche Entwicklung hat ihr Beruf unter dem Einfluss dieser einmaligen, gemeinschaftlichen Wirtschaftsunion genommen und wie wird es mit ihr weitergehen?

Diesen und weiteren Fragen werde ich mich widmen und die Ergebnisse hier festhalten.

Unterstützt werde ich auf dieser Reise von der Schwarzkopfstiftung mit dem Resisestipendien-Programm „Junges Europa“ und von dem BDA (Bund Deutscher Arbeitgeber).